BerufsOrientierung – warum Eltern und Lehrer schlechte Berater sind

Blogparade BerufsOrientierung

Aktualisiert am

Klar, dass es da schwer fällt, sich zu entscheiden. Wenn in den achten Klassen das Thema BerufsOrientierung aufkommt, dann schnaufen betroffene Lehrer: „Das ist doch noch viel zu früh, das sind doch noch Kinder!“ Die Angst vor der eigenen Unwissenheit zu diesem komplexem Thema spielt mit. Auch Helikopter-Eltern schreien auf: „Das ist viel zu früh!“ Nein. Ist es nicht. Es ist zu spät.

Rollenspiele

Eltern meinen, ihre Kinder am besten zu kennen. Lehrer meinen, sie kennen ihre Schüler. Klassenkameraden sind überzeugt, sie kennen ihre Freunde besser, als jeder andere. Und was meinen die Kids selbst? Wie gut kennen sie sich? Da fängt die Crux schon an: Wir Menschen – also auch Kinder – spielen in unserem Leben permanent „Rollen“. Die des Kindes, die des besten Freundes, die des Bruders oder der Schwester, die des Schülers und die des Vereinssportlers.

In allen diesen Rollen präsentiert sich der junge Mensch nach Möglichkeit von seiner besten Seite. Und doch ist er….überall anders. Und sich an anderen zu „messen“ ist eine der größten Herausforderungen. Denn das ist beim Sport machbar, doch bei den „weichen Faktoren“? Wer kann das schon beurteilen? Sie können Ihr Kind nicht in allen diesen Facetten kennen. Sie können Jugendliche jedoch unterstützen, das Fremdbild mit dem Selbstbild abzugleichen und anzupassen.

BerufsOrientierung ist kein Beruf – sondern Suche nach Berufung

Vier Jahre habe ich als Coach Schüler weiterführender Schulen in BerufsOrientierungsCamps und KompetenzChecks unterstützt. Was ich dabei erlebt habe ist, dass eine Generation Jugendlicher heranwächst, die sehr überzeugt von den eigenen Fähigkeiten ist. Und die komplett versagt, wenn sie diese unter Beweis stellen soll. Ob auf dem Fußballplatz, wo sich 15jährige als neue Fußballstars sehen (noch nicht im Kader? Dann sind sie mit 15 schon viel zu alt…). Oder im fingierten Vorstellungsgespräch, wo die gespielte Coolness schnell zur Peinlichkeit gereicht, weil der „Chef“ einfach die falschen Fragen stellt.

Dasselbe erleben wir bei Fernsehshows, wo sich Jugendliche dem Urteil einer Fachjury stellen und sich ob ihrer mageren Sangeskünste über ein ehrliches Urteil zu Tränen wundern oder gleich mal der Jury Prügel androhen. Frustrationstoleranz ist bei den meisten nämlich Fehlanzeige. Eltern oder Lehrer tun gut daran, Kinder statt in Watte in Liebe zu packen – und bei der Wahrheit zu bleiben. Diese allerdings respektvoll und mit großer Wertschätzung formuliert. Keiner kann alles können. Und wollen.

Kinder wollen Grenzen

Ich selbst war zwischen dem 13 und 15 Lebensjahr im Internat. Schwester Consilia, Oberschwester meiner Gruppe, meinte es wohl gut mit mir. Sie sagte: „Bettina, wenn Du wissen möchstet, ob Du etwas darfst oder nicht, dann frage nicht mich. Frage Dich selbst, ob es gut für Dich ist.“ Das war die härteste Aufgabe, die sie mir stellen konnte. Denn fortan engte sich meine Bewegungsfreiheit stark ein. Weil ich mir selbst oft antwortete, dass ein Kinobesuch am Abend vor der Klassenarbeit wohl kaum gut für mich wäre. Oder der Ausflug ins Dorf zu den Jungs….

Ich hätte mir gewünscht, sie hätte mir diese Entscheidungsverantwortung abgenommen und mir klare Grenzen gesetzt. Denn Kindsein ist nur so lange schön, solange andere einen von der Verantwortung entlasten. Doch das endet spätestens mit Schulbeginn und den ersten Hausaufgaben. Ab da lernen Kinder GERNE, für manche Dinge selbst Verantwortung zu übernehmen. Und genau da setzt auch das Thema BerufsOrientierung an. Kinder können nie früh genug damit beginnen, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen. Der Beruf folgt dann von ganz alleine. Doch wo bin ich „stark“, wo „schwach“? Ist „Schwäche“ ein Versagen oder etwas Normales? Kann „stark“ auch zu stark“ sein? Und wo habe ich ganz besondere Fähigkeiten, die mir normal und „leicht“ erscheinen – für andere jedoch eine große Herausforderung darstellen?

Eltern sind Vorbilder

Sie selbst kommen am Abend nach der Arbeit nach Hause. Sie sitzen mit Ihrer Familie am Abendbrottisch und erzählen, wie Ihr Tag war. Was erzählen SIE von Ihrem Arbeitstag? Wie toll der Chef sich heute gegenüber den Kollegen verhalten hat? Wie perfekt Ihre Zeitplanung Sie heute durch den Tag geleitet hat? Wie viel Spaß Ihnen Ihr Job macht? Glückwunsch – Sie sind die absolute Ausnahme. Bei den meisten ist das anders. Und dann wundern sich Eltern, wenn die Kinder so gar keine Motivation entwickeln, sich mit dem Thema Berufsleben auch nur zu beschäftigten…

Lehrer sind Vorbilder

Ein toller Beruf: 12 Wochen Ferien und den halben Tag frei. So denken viele über Lehrer. Doch dieses Trugbild gehört in die Vergangenheit. Heute haben die Lehrkörper eine Menge Zusatzarbeit. Gaaaanz viel Administration mit Lernstanderhebungen, PISA-Test, Sommerfest, Abschlussfeier, Klausurkontrolle und Klassenbuchführung. Dazu jede Menge moderner Technik – Lernen goes Internet. Tja und auf Facebook müssen die Pauker auch ran, denn das erwarten Kids, Kultusminister und Kontrollfunktionen.

Hand aufs Herz: Möchten Sie mal einen Tag lang vor 20 pubertierenden Jugendlichen stehen mit der Mission, diesen Wissen zu vermitteln? Ich kann Ihnen aus eigener Erfahrung sagen: Das bringt auch SIE an Ihre Grenzen. Denn Jugendliche sind oft manipulativ, unfair, persönlich und …. laut. Sehr laut. Sehr übergriffig in ihrem Verhalten (es wird gerne von sexuellen Attacken von Erwachsenen auf Kinder gesprochen – doch das gibt es auch umgekehrt. Gerade bei testosterongeschwängerten Jungmännchen).

Schlimmer jedoch finde ich nach vier Jahren praktischer Erfahrung mit dem Thema, dass Eltern das Thema BerufsOrientierung gerne auf die Schule „abwälzen“. Doch ganz ehrlich: So ein verbeamteter Lehrer hat weniger Erfahrung in der freien Wirtschaft, als vermutlich Sie selbst. Er kennt viele Abläufe nur vom Hörensagen. Und er hat weit mehr als nur Ihr Kind zu betreuen. Doch wie soll er den Schülern echte Entscheidungsgrundlagen liefern? Bei 350 Ausbildungsberufen und 15.000 Studiengängen? Neee, das können nur Profis. Und die – sitzen auch keineswegs bei der Arbeitsagentur im tollen BIZ (= Berufs-Informations-Zentrum).

Hier werden die Jugendlichen mit viel Papier und Internetzugang weitgehend alleine im Berufedschungel gelassen. Sie werden mit hunderttausend Informationen über verschiedene Berufsbilder – teils modern als laut-bunte Videos aufbereitet – bombardiert und sind am Ende: Noch unsicherer, als zuvor. Und auch der Berufstest gibt nur eine Momentaufnahme wieder, die oft an der Praxis vorbei läuft. Dann doch lieber gar nicht entscheiden und erst mal ein Jahr work & travel in Australien….

Wann beginnt BerufsOrientierung

In der achten Klasse der Schule? Nein. Sie beginnt weit vorher. Nämlich im Elternhaus. Der Umgang der Eltern mit dem Thema Beruf gräbt sich tief ins kindliche Bewusstsein. Die Einstellung zum Thema „in Lohn und Brot stehen“ verankert sich in der Seele. Doch wer achtet schon in jungen Jahren auf die Fähigkeiten und Kompetenzen des eigenen Kindes, welche mal beruflich nützlich werden könnten? Kaum jemand.

Wer vermittelt seinem Kind ein gesundes Selbst-Wert-Gefühl und läßt es sich entwickeln, statt ein immer wieder in die Wattehülle des Elternhauses zurückzudrängen? Doch genau das ist so überlebenswichtig: Ich muss wissen, wer ich bin und was ich will. BerufsOrientierung bedeutet dabei auch herauszufinden, was ich eben NICHT will. Und neue Anforderungen an Arbeitgeber zu formulieren.

Ehrliches Feedback

Und damit kann es nie früh genug losgehen. Kinder sollten sich vielseitig ausprobieren dürfen und dafür ein ehrliches Feedback bekommen. Denn es kann längst nciht jeder auch nur ansatzweise singen, der bei DSDS vor die Kamera tritt. Deswegen hat er allerdings eine Menge anderer Qualitäten, die es zu entdecken gilt. Und das bitte schon ganz früh und gerne spielerisch. Eventpädagogok ist hilfreich, manchmal eine spezielle Übung oder ein Test. Oder die stille Beobachtung und der Austausch unter Eltern. Es gibt tolle Literatur zum Thema (ich empfehle an dieser Stelle Sean Coveys Buch „Die sechs wichtigsten Entscheidungen für Jugendliche“).

Lassen Sie den Profi ran!

Es gibt echt gute Profis, die bezahlte BerufsOrientierung bieten. Die Ihr Kind neutral und ohne Eigeninteresse – aus der Sicht eines Arbeitgebers – erleben und den Markt kennen. Denn Beruf ist heute eben doch ganz anders, als noch zu unserer Zeit. Zeigen Sie Ihrem Kind, dass es Ihnen wert ist, neben den jährlichen 500 € für die Musikschule und FitnessCenter auch einmalig 1.500 € für die berufliche Zukunft zu investieren. Denn soviel kostet in etwa eine ordentliche Begleitung durch einen professionellen JobCoach beispielsweise bei mir. Danach kennt Ihr Kind sich selbst ein großes Stück besser – und die Erwartungen, die der Markt stellt.

Es hat Anhaltspunkte für seine Suche und weiß, wie es die eigenen Chancen verbessert. Es hat verstanden, dass es ab sofort die Verantwortung selbst übernehmen DARF. Es freut sich, dass es auch äußern kann, was es AUF KEINEN FALL will.

Und dass es eben um mehr als einen bezahlten Beruf geht: Um eine befriedigende Berufung. Denn das hat mit dem Respekt vor dem ICH zu tun – sich nicht, um des Geldes  willen, selbst dauerhaft zu verbiegen. Sondern den Job zu finden, zu dem ich passe und mit dem ich mich erfüllt fühle. Ich darf mich verändern – und meinen Job ebenfalls. Denn das Leben ist Veränderung und so geht es schon lange nicht mehr um die „Berufsentscheidung fürs Leben“, sondern um den jeweils nächsten Schritt. Und das zu wissen, ist sehr entlastend für eine junge Seele auf der Suche nach dem Lebenszweck…je früher, desto besser.   Dies ist mein Beitrag zur „Blogparade BerufsOrientierung“ von Cyquest.

Mentorin für bemerkenswerten Auftritte mit Mikrofon, Marker und Deinem individuellen #WOW-Faktor.

Schreibe einen Kommentar