Wie viel Titel brauchst Du?

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Niels Brabandt ist ein Mann, der heftig polarisiert. Er ist ein bekannter Vortragsredner, Inhaber verschiedener Titel als Professor und Doktor und wird von großen Unternehmen gerne gebucht. Der Mann hat was zu sagen...

Er tritt sehr souverän auf und hält mit seiner Sicht auf die Dinge keineswegs hinterm Berg. Jetzt stellt sich heraus, dass da möglicherweise doch einige Ungereimtheiten im Lebenslauf existieren...

Zertifikate, Titel, Urkunden

Nein, ich werde mich keineswegs dem vom Spiegel Online mit dem verlinkten Artikel ausgelösten Bashing anschließen. Mir geht es um eine ganz andere Frage, die sich aus diesem Thema ergibt:

Wie viel Anteil haben WIR alle daran, das Menschen so etwas "nötig" zu haben meinen? 

Ich habe Niels Brabandt persönlich mit einem seiner Vorträge erlebt. Er war ... wirklich gut. Sehr souverän in der Präsentation, sehr gelassen in der Ausstrahlung und mit wirklich fundiertem Content. Er hat mich als Speaker professionell in seinen Bann gezogen.

Er ist also einer von denen, die einen richtig guten Job machen. Der von großen Unternehmen genau deshalb gebucht wird, weil er begeisternde Reden hält. Weil er inhaltlich starke Botschaften an den mann oder die Frau bringt. Klar, tun da so ein paar Titelchen der Reputation sicher keinen Abbruch. Doch sind Titel wirklich SO nötig, um für wirklich gutes Geld gebucht zu werden?

So nötig, dass jemand auf die Idee kommt, sich derer zu bemächtigen, wenngleich auf vielleicht unredliche Weise? Warum riskiert jemand, "aufzufliegen", weil er andere bewusst geblendet hat?

Blender, Showmaker, Lautsprecher

Weil WIR - also die potentiellen Zuhörer - vor genau solchen Titeln Ehrfurcht haben. Weil viel eher geneigt sind, den Aussagen des Titelträgers zu glauben. Immerhin muss er ja im Leben verdammt viel mehr an Vorleistung erbracht haben.

Hätte Lieschen Müller in ihrem Vortrag exakt dasselbe gesagt, hätte man es ihr eben NICHT abgenommen. Frau. Alberner Name. Kein Titel.

Kurzum: Wir lassen uns blenden. Wir schreien ja förmlich danach. Indem wir Titel- und Zertifikatsträger, Urkundeninhaber und anderen hochgebildeten Leuten einfach mehr Glauben schenken. DIE ... müssen es ja wissen. 


Ich brauche noch ...

Und genau deshalb erlebe ich in der Praxis immer wieder, dass Menschen, die "weiterkommen" wollen - egal ob angestellt oder als Selbstständige - sich ständig unter Druck setzen. Indem sie meinen, dass sie noch diese oder jene Fortbildung brauchen, damit sie das Zertifikat nachweisen können. Damit andere ihnen glauben, dass sie das können, was sie vorgeben zu können. Schwarz auf weiß.

Und genau das ist ... Bullshit. Denn ich erlebe als Coach und Mentorin unfassbar viele Menschen  - darunter vor allem Frauen - die unglaublich viel können und ihren Kunden bieten und liefern können. Sich aber nicht trauen, weil sie dafür kein Zertifikat nachweisen können.

Danke, liebe Großunternehmen und Konzerne!

Wie es dazu gekommen ist, dass wir - gerade in Deutschland - unglaublich titel- und zertifikatshörig sind? Ich persönlich vermute die Quelle bei den großen Unternehmen. Die Redner, Trainer und Coaches für gutes Geld buchen. Und weil der Markt so unübersichtlich ist, sich gerne auf Zertifikate und Titel "verlassen" - als Nachweis, dass sie nachweislich die richtigen Profis eingekauft haben.

Und auch das ist ... Bullshit. Denn ein Zertifikat beweist maximal, so es denn nicht gefaked wurde, dass jemand eine Aus- oder Weiterbildung bezahlt und die Stunden dort abgesessen hat. Manchmal auch eine Prüfung bestanden hat. Doch ob er sein Wissen wirklich auf die Straße bringen kann ... sagt es in keiner Weise.

Theorie und Praxis

Zu oft in meinem Leben habe ich "studierte Leute" erlebt, die in der Theorie ihrer Themen wirklich brillant sind. Doch sobald sie es anderen Menschen vermitteln sollen, komplett versagen. 

Ein Studium vermittelt Menschen tiefer gehendes Wissen. Wissenschaft eben. Doch in der alltäglichen Praxis und im Umgang mit Laien kommt es doch auf etwas ganz anderes an: Menschen begeistern. Menschen motivieren. Menschen bewegen.

Dazu braucht es KEIN Studium an einer Uni. Keinen Professoren- oder Doktorentitel. Nicht mal eine bestimmte Fortbildung. Sondern einer Gabe: Menschen verstehen, ihnen zuhören und ihnen Themen und Botschaften in IHRER Sprache zu präsentieren. Im Idealfall anhand von Geschichten, die mit dem praktischen Umfeld der Teilnehmergruppe zu tun haben. Die die Menschen da abholen, wo sie gerade stehen.

Betrug gehört bestraft

Verstehe mich jetzt bitte richtig: Wer betrügt, gehört bestraft. Doch wir alle haben unseren Anteil daran, dass Menschen zu Betrügern werden. Indem wir ihnen vertrauen wollen. Indem wir "Gelehrte" glorifizieren. Indem wir Zertifikate und Titel fordern. Doch Letztere machen niemanden zu einem besseren Menschen. Nur zu einem wissenderen Exemplar. 

Ich habe den Eindruck, dass Niels Brabandt verdammt viel Wissen in seinem Kopf angehäuft hat. Das hat er mit Cleverness und einer sprachlich-rhetorischen Brillanz gepaart. Der Mann hält - aus meiner Sicht - wirklich gute Vorträge. Sollte sich herausstellen, dass er betrogen hat, dann möge er eine angemessene Strafe bekommen. Doch ich würde ihn auch weiterhin als Redner hören wollen. Weil er den Job verdammt gut macht. Auch wenn ich seine menschliche Komponente oft verschärft arrogant und gelegentlich pathologisch empfinde. Doch das  ... steht auf einem anderen Blatt.

#fuckeinfachmachen

Es kommt eben NICHT auf Titel oder Zertifikat an. Sondern darauf, wie überzeugend und bewegend Menschen ihre Fähigkeiten zum positiven Nutzen anderer Menschen einsetzen. Manche - auch hier wieder vor allem Frauen - bleiben mit ihrer natürlichen Kompetenz weit hinter ihren Potentialen zurück. Weil sie (noch) kein Zertifikat und keinen Titel haben. Den sie meinen, haben zu müssen, um sich damit aus der Deckung zu wagen. Ja, und manchmal auch, um sich noch eine Zeit vor der unangenehmen Kundenakquise zu drücken...

Meine Botschaft an Dich, wenn Du Dienstleister buchst:
Hinterfrage Titel und Zertifikate. Glaube keinesfalls alles, was Du schwarz auf weiß siehst. Schau´ Dir einen Redner oder Bewerber oder Geschäftspartner genauer an. Höre auf Dein Bauchgefühl. Sprich´ mit anderen Menschen, die diese Person bereits kennen, wie sie diese erlebt haben. Kurzum: Ersetze Titel- und Zertifikatsgläubigkeit durch sachlich fundierte Information und Dein gutes Bauchgefühl. Und gib´ auch denen eine Chance, die - statt einer Vielzahl Zertifikate - einfach als Persönlichkeit überzeugen. Die Leidenschaft spüren lassen und die Dich schon im Vorfeld als "Typen" begeistern.

Titel und Zertifikate stehen auf geduldigem - und inzwischen auch für den Laien fälschbarem - Papier. Das ist so viel wert, wie das Papier, welches Du auf der Toilette hängen hast. Wichtiger ist, dass Du den Menschen "spürst" und wieder lernst, Dich auf Deinen Bauch zu verlassen.

Meine Botschaft an Dich, wenn Du selbst eigene Kunden hast:
Trau´ Dich raus mit dem, was Du kannst. Du bist einzigartig in Deiner Wissenskombination und in Deinen Botschaften. Wer von Dir Zertifikate verlangt, ist vielleicht einfach nicht Dein Kunde. Denn da fehlt das Grundvertrauen, was zwischen Geschäftspartnern vorhanden sein sollte.

Wenn Du Dich - in Ermangelung eines Zertifikates oder Titels - vor der Akquise drückst, dann tust Du damit zwei Parteien unrecht: Dir selbst, weil Du so das Geldverdienen meidest. Und Deinen potentiellen Kunden. Denen Du Deine Kompetenz und Leistungsbereitschaft vorenthältst. Also hör´ auf, zu lange zu überlegen und geh´ raus mit dem, was Du kannst. Auch, wenn Du dafür (noch) keinen Nachweis auf geduldigem Papier erbringen kannst. 

So ein kleines bisschen "Dicke Hose" gehört einfach dazu, um im Wettbewerbsumfeld erstmal wirklich sichtbar zu werden. Doch das geht auch ohne "Fake" - indem Du einfach Deine Leidenschaft lodern lässt.


Mentorin für bemerkenswerten Auftritte mit Mikrofon, Marker und Deinem individuellen #WOW-Faktor.

7 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. „Ich habe Niels Brabandt persönlich mit einem seiner Vorträge erlebt. Er war … wirklich gut. Sehr souverän in der Präsentation, sehr gelassen in der Ausstrahlung und mit wirklich fundiertem Content. Er hat mich als Speaker professionell in seinen Bann gezogen.
    Er ist also einer von denen, die einen richtig guten Job machen. Der von großen Unternehmen genau deshalb gebucht wird, weil er begeisternde Reden hält. Weil er inhaltlich starke Botschaften an den mann oder die Frau bringt.“

    Da seine Vorträge ja nun nicht billig sind: Der Mensch möchte auch ungerne das Gefühl haben, betrogen worden zu sein. Da kann man einen Betrüger schon mal verteidigen.

    „Doch in der alltäglichen Praxis und im Umgang mit Laien kommt es doch auf etwas ganz anderes an: Menschen begeistern. Menschen motivieren. Menschen bewegen.“

    Das läuft auch bei Despoten besonders gut. Muss man derzeit gar nicht weit schauen. Und betrügen tun die auch reihenweise. Deren Anhänger glauben an Betrug aber ebensowenig. Fake News.

    Fazit: Nicht die Titel oder das System sind schuld, der Mensch ist schuld. Und vorneweg: Derjenige, der betrogen hat.

  2. Du schreibst, dass du Niels Brabandt bei einem seiner Vorträge erlebt hast. Deiner Ansicht nach war er „gut“, „souverän“, „professionell“ und hatte „fundierten Content“. Ernsthaft?

    Ich bin ihm vor Jahren ebenfalls begegnet. Ich fand ihn seltsam, windig, unseriös. So sehr, dass ich ein bisschen nachgeforscht und rausgefunden habe, dass seine Titel falsch sind. Die geplante Veranstaltung mit ihm habe ich abgesagt.

    Ich habe auch einige Videos von seinen Auftritten auf Youtube angesehen. Zugegeben, er redet nicht schlecht. Aber der Inhalt (sorry: Content)? Allgemeinplätze, etwas gesunder Menschenverstand, oberflächlich und ohne Substanz. Seine Homepage war eine Ansammlung unprofessioneller, abstruser, größenwahnsinniger Einträge.

    Die von dir kritisierte Titelhörigkeit mag ja vielleicht ein Problem sein, ich weiß es nicht. Ein weit größeres Problem ist es aber, dass so viele Menschen auf Blender und Aufschneider hereinfallen. Dass sie jemanden, der gut reden kann, für kompetent halten, auch wenn er es nicht ist. Dass sie sich von schön präsentierten Phrasen einwickeln lassen und die auch noch „fundiert“ finden.

  3. Ich finde es keinen Bullshit, wenn Menschen in Professionen, die über keine regulierten Zugänge (wie bespw. bei den Ärzten, Priestern, Juristen der Lehrern) verfügen, auf Surrogate zurückgreifen, die Kompetenzzuschreibungen ermöglichen, seien es bspw. Publikationen oder akademische Titel. Diese stellen nicht die individuelle Qualifikation dar, aber eben das Mindestmaß an Aufwand der zu betreiben war, um diese Leistung zu erbringen. Und genau der Aufwand wird eben gewürdigt. Das hat in einer fragmentierten (Berufs-)Welt erstmal nichts mit Titelgläubigkeit zu tun, sondern mit einer Form von Orientierung. Dass gesunder Menschenverstand noch an deren Qualitäten sucht, versteht sich von selbst. Insofern wünsche ich mir sehr viel mehr an investgativem Journalismus, der BlenderInnen und HochstaplerInnen benennt. Denn Blenden und Hochstapeln unterläuft eben diese Orientierungsfunktion.

    • Ja, Blender und Hochstapler gehören enttarnt. Dennoch dürfen wir uns fragen, inwieweit wir einen Anteil daran hatten, dass sie so blenden und täuschen konnten. Denn auch hier gehören eben immer zwei dazu…

  4. Was ist eigentlich ein „Speaker“? Ich kenne Menschen mit hoher Fachexpertise, die sind beispielsweise in einem Unternehmen eine Führungskraft oder arbeiten an einer Hochschule und forschen seit vielen Jahren inhaltlich zu dem besagten Gegenstand. Manchmal halten diese Experten/innen einen Fachvortrag für ein Publikum und teilen ihr umfangreiches Wissen und Expertise mit uns. Wenn wir als Zuhörer etwas Glück haben, dann geschieht die Vermittlung von Wissen mit rethorischem Geschick.

    Eine passende Berufsbezeichnung oder ein akademischer Titel zeigt an in welchem Gebiet ich nun diese Expertise habe. Herr Professor Brabandt wollte sich dies wohl vermutlich ergaunern. Er gibt eine umfangreiche akademische Expertise vor, die aber keiner genauen Prüfung stand hält. Sein Vorgehen und seine Äußerungen zeigen auch noch, dass er den Unibetrieb überhaupt nicht kennt und von empirischen Studien keine Ahnung hat („unter 1000 Studienteilnehmern fangen wir ja gar nicht an“). Letztendlich hätte er sagen müssen: Leute, ich kann tolle Reden halten und inhaltlich habe ich mir alles so zusammengesucht und selbst beigebracht. Bin Autodidakt. Wohl wegen der höheren Tagessätze spielte er aber lieber Professor Professor und Doktor Doktor.

    Brabandt macht dies schon sehr lange und nicht nur mit der Vorgabe von akademischen Titeln. Einfach mal die Homepage seiner Firma, nb-networks, mit einer Wayback-Maschine besuchen und die News lesen. Nach den dortigen Angaben hat er zweistellige Millionenetas erhalten, hunderte (tausende?) von Mitarbeitern angestellt, auf der ganzen Welt seine Niederlassungen gegründet und vieles andere mehr. https://web.archive.org/web/20120128114830/http://www.nb-networks.com/index.php/archiv

    Für mich braucht Herr Brabandt einfach nur professionelle psychologische Hilfe. Er tut mir wirklich leid.

    • Leider gelten Autodidakten in dieser Wert wenig – wenngleich sie oft mehr draufhaben. Doch das steht auf einem ganz anderen Blatt. Ich finde es einfach tragisch, dass wir dieses System mit unserer erlernten Titelgläubigkeit stützen und solche fragwürdigen Karrieren damit erst ermöglichen. Für mich ist es dasselbe, ob jemand Geld unterschlägt, fremde Produkte unter „seinem“ Namen verkauft oder eben sich Titel aneignet, die er/ sie nie erworben hat. Zu Beginn ist es ganz leicht, dann wird der Mensch mutiger und übertreibt es und dann ist er gefangen in seinem eigenen Netz aus Lügen und Fassade. Und findet keinen Ausgang mehr. Oft sind diese Menschen erleichtert, wenn sie endlich enttarnt wurden.

      Schlimm ist halt, dass solche Menschen Recht haben, wenn sie irgendwann denken: Ich bin schlauer, als die, die meinen Täuschungen erliegen. Denn das sind sie in diesem Moment tatsächlich. Weil wir uns eben täuschen lassen … wollen. Doch darf jemand stolz darauf sein, ein kluger Lügner zu sein? Da ist vermutlich tatsächlich professionelle Hilfe gefragt, denn da stimmt ein Weltbild ganz gewaltig … nicht.

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