Seien Sie doch nicht so empfindlich!

Sensibilität

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Doch Ihr Boss gab ihr nur eine magere Gehaltserhöhung. Der Posten als Geschäftsbereichsleiterin wurde ihr verweigert. Mit der Begründung: „Sie sind immer so empfindlich“.

Karin ist eine taffe Frau. Sie ist alleinerziehende Mutter und führt als Vertriebsleiterin 55 Mitarbeiter. Sie hat ein Ehrenamt in einer Senioreneinrichtung und zwei schulpflichtige Kinder. Ihre Arbeitszeiten organisiert sie familiengerecht, denn sie kann auf Familie und Freunde zählen. Dennoch wird es manchmal zu viel. Ihre Freundin bekam vor vier Monaten die Diagnose Brustkrebs. Schon eine Freundin hat Karin so verloren.

Das Ganze eskalierte vor zwei Wochen, als Karins Tochter Vivien Masern bekam. Klar, dass Karins Gedanken im Job öfter abschweiften. Denn Masern sind tückisch. Und ihre Freundin hat derzeit keine hoffnungsfrohe Prognose.

Feedback

Genau in dieser Zeit standen die Beurteilungsgespräche mit ihrem Team an. Einer ihrer Vertriebler hat seine Zahlen im abgelaufenen Jahr nicht erreicht und erging sich in Ausflüchten und Anschuldigungen. Die fehlende Führung der letzten Monate sei schuld. Ihm habe der Rückhalt für bessere Ergebnisse gefehlt. Es wäre Karins Aufgabe gewesen, ihn rechtzeitig „auf Kurs zu bringen“ und ihn zu motivieren….

Doch statt den Kollegen sachlich, aber bestimmt auf seine eigene Verantwortung hinzuweisen, brach Karin in Tränen aus. Klar gehört es zu ihren Aufgaben, das Team zu steuern und die Kollegen zu motivieren. Doch genau in diesem Moment war es eben einfach zuviel. Als der Kollege dann auch noch persönlich wurde, war sie nur noch eines:

Mensch. Verletzt. Enttäuscht.

Wie oft hatte sie für diesen Kollegen die Kohlen aus dem Feuer geholt? Wie oft ihm den Rücken gestärkt und über neue Möglichkeiten der Ergebnisverbesserung gesprochen? Erst neulich hatte sie ihn gegenüber dem Vorgesetzten geschützt und seinen Fehler auf ihre Kappe genommen. Ein „Danke“ von ihm? Fehlanzeige.

Und jetzt das: Der Kollege macht sie für sein Versagen verantwortlich. Er griff sie persönlich an und machte sich über ihren emotionalen Ausbruch sogar noch lustig.

Karin war das definitiv zu viel. Sie ist da empfindlich.

Grenzüberschreitung

Doch das war dem Vertriebskollegen keineswegs genug. Nachdem Karin in seinem Beisein ihren Tränenausbruch hatte (wofür sie sich schämte), hatte der Mann nichts besseres zu tun, als ihre Schwäche auszunutzen. Er ließ bei Karins Vorgesetztem seiner Belustigung über die emotionale Führungsunfähigkeit seiner Chefin freien Lauf.

Da Karins Boss ein Chef alter Schule ist, haben Tränen für ihn im Arbeitsleben nichts zu suchen. Sie sind für ihn ein Zeichen von Schwäche. Klar, dass er genau das seiner Mitarbeiterin beim Feedback-Gespräch aufs Brot schmierte: „Seien Sie doch nicht immer so empfindlich!“.

Empfindsam oder empfindlich?

Dabei beging der Chef einen entscheidenden Fehler: Er verließ die Sachebene – und griff Karin auf der persönlichen Ebene an. Da Karin bereits verletzt und in Sorge war, brach sie sofort wieder in Tränen aus. Statt ihrem Chef reinen Wein einzuschenken und ihm Grenzen zu setzen. Tja, und schon hatte ihr Chef einen wunderbaren Anlass, ihr die neue Position Geschäftsbereichsleiterin zu verweigern. Er speiste Karin mit einer mageren Gehaltserhöhung ab.

Sie war enttäuscht – vor allem von sich selbst.

Wenns zuviel wird: Coaching

Sie rief mich an und bat um einen Termin. Nachdem sie sich ausgeweint und ihrer Wut freien Lauf gelassen hat, betrachteten wir die Situation aus der Vogelperspektive. Was war genau geschehen?

– Sie befindet sich ein einer Ausnahmesituation, in der es Menschen kaum möglich ist, das Privatleben auszublenden. Sie hat sehr menschlich reagiert – insbesondere, nachdem sie auf persönlicher Ebene angegriffen wurde.
– Ihr Kollege suchte einen Sündenbock für das eigene Versagen und spürte auf emotionaler Ebene, dass Karin aktuell verletzlich ist. Das nutzte er zu seinem vermeintlichen Vorteil.
– Ihr Chef sieht Karin als potentielle Bedrohung für seine Position. Ihre einfühlsame Führung kommt bei den Kollegen sehr gut an. Karin kennt auch private Interessen und Sorgen der Kollegen und versucht, diese stets mit den beruflichen Interessen zu vereinen.

Diese wertschätzende Art der Führungsform beunruhigt ihn. Denn er selbst hat nie gelernt, mit Emotionen umzugehen.

Lösung statt Lethargie

Karin erkannte im Coaching, dass in ihrer Lage kaum Handlungsalternativen bestanden hätten. Und dass sie sich die menschliche Reaktion durchaus erlauben darf. Denn ihr Führungsstil ist von Augenhöhe und Wertschätzung geprägt. Viele ihrer Mitarbeiter wissen zudem um ihre Lage – und haben vollstes Verständnis.  Doch was sollte Karin jetzt tun? Die Beförderung verloren geben?

Karin vereinbarte daraufhin zwei Gesprächstermine. Zunächst mit dem Mitarbeiter, der sie „verhöhnt“ hatte. Sie machte ihm klar, dass das Ausnutzen ihrer kurzen „Schwäche“ für sie inakzeptabel ist. Gemeinsames Arbeiten erfordert Vertrauen. Sie legte ihm nahe, sich nach einem Job in einem anderen Team umzusehen, da sie dieses Vertrauen empfindlich gestört sehe.

Den Chef führen

Das zweite Gespräch galt ihrem Chef. Sie erläuterte sachlich den Grund für ihren Tränen-Ausbruch – ohne sich zu entschuldigen. Sie formulierte, dass sie persönliche Angriffe keinesfalls weiter dulden werde – weder vom Kollegen, noch vom Chef. Immerhin habe er ja durchaus erkannt, dass ihr Führungsstil bei den Mitarbeitern gute Erfolge bringe. Zu einem emotionalen Führungsstil gehöre die Akzeptanz, dass auch Führungskräfte Schwächen haben. Das mache nahbar und stärke das Team.

Sie argumentierte sachlich, führte Erfolgszahlen an und diskutierte die weitere Strategie für ihr Team. Sie forderte den Chef mit Fragen auf, Farbe zu den Fakten zu bekennen. Sie „führte“ das Gespräch – und damit ihren Chef. Der sich in der Folge von Karins Klarheit beeindruckt zeigte und seine hohe Zufriedenheit mit ihrer Arbeit betonte.

Ziel erreicht

Es dauerte ganze drei Tage. Da stand auf Karins Schreibtisch ein Strauss Blumen. Der Kollege entschuldigte sich für sein Verhalten. Er bat um eine erneute Chance in Karins Team. Daneben lag ein Brief vom Chef. Er lobte nochmals Karins Ergebnisse und bot ihr an, ab sofort die – besser bezahlte – Geschäftsbereichsleitung zu übernehmen.

Fazit

Emotionen gehören zu uns Menschen wie das Atmen. Kooperativer Fühungsstil lässt Schwächen zu und trägt Menschen auch mal durch persönliche Krisen. Wer das missachtet, der riskiert den BurnOut seiner Mitarbeiter.

Das ständige Unterdrücken von Gefühlen wirkt schädigend auf unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden. Deshalb ist es wichtig, selbst auch mal Grenzen zu setzen. Und manchmal eben den eigenen Chef zu führen. Denn Klarheit in der Kommunikation, auch über Emotionen, sorgt für weniger Konflikte – und bringt bessere Ergebnisse.

 

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