Sind Sie Unternehmens-Gärtner?

Wachstum

Ich bin seit 2015 Gärtnerin auf einer Miet-Ackerparzelle. Wertvolle 45 m², auf denen ich von Mai bis Oktober über 35 Sorten Gemüse für uns anbaue – von Aubergine bis Zucchini. Bald wieder steht für diese Saison das Setzen von Tomate, Fenchel, Porree und Chili an….

Gärtner brauchen guten Boden

Also fuhr ich auf mein „Feld“. Dort prüfte ich zuerst die Ackerkrume: Wie feucht oder trocken ist der Boden? Krümelt er oder ist er lehmig-fest? Denn von diesem Mutterboden hängt mein Ernteerfolg ab. Der Zustand der Parzelle gibt vor, was an jedem einzelnen Tag für mich zu tun ist. Will ich reiche Ernte einfahren, dann bin ich als Gärtner dafür verantwortlich den Boden zu schaffen, auf dem meine Gemüsekulturen überhaupt erst gedeihen können.

Als Erstes also die Bodenbeschaffenheit. Ich greife zu Harke oder Gießkanne, hole Bio-Dünger oder eine Schaufel. Damit die neuen Jungpflanzen beste Bedingungen vorfinden.

Dann schaue ich mir an, mit welcher Art von Pflanze ich es zu tun habe. Wir haben eine Menge Gattungen: Von Korb-, Schmetterlings- und Doldenblütler über Nachschatten- , Kohl- und Zwiebelgewächse. Ein- und mehrjährige Pflanzen. Lichtkeimer und Bodenkeimer. Solche, die früh im Jahr im Gewächshaus „vorgezogen“ werden müssen und solche, die aus Saatgut direkt im Acker erwachsen. Die meisten können und dürfen keineswegs überall stehen, sondern gehören jeweils zu ihrem Team. Es ist mein Job, darauf zu achten.

Gärtner brauchen Fach-Wissen

Manche Sorten stehen gerne nahe beieinander, andere – wie beispielsweise Kürbis und Zucchini – brauchen viel Raum. Rote Bete, Möhre, Mangold und Pastinake müssen „vereinzelt“ werden, sobald sie die ersten Blattpaare aus der Erde strecken. Denn nur dann kann sich die Jungpflanze gut entfalten und die Gemüse kommen sich im Wachstum nicht in die Quere.

Gärtner brauchen Gefühl

Eine Jungpflanze ist zart. Sie braucht sanften Umgang und gute Pflege in der Anfangszeit. Ich grabe also zunächst ein Loch in passender Größe. Dann gebe ich etwas von den Bio-Dünger-Pellets hinein und vermenge sie mit etwas Erde. Jetzt gilt es, das Pflänzchen vorsichtig aus seinem schützenden Töpfchen zu befreien, ohne seine zarten Wurzeln zu verletzen. Ich setze es mit Wertschätzung in das vorbereitete Pflanzloch. Danach gebe fein gekrümelte Erde für den ersten Halt hinzu und drücke es mit Feingefühl an seinen Platz. Jetzt noch etwas Wasser und schon kann die Pflanze sich „einleben“.

In der ersten Zeit braucht es besondere Beachtung und Fürsorge.Ich schaue also immer wieder hin, ob es ihm gut geht, ob sich zwei Pflanzen in die Quere kommen und ich sie vielleicht weiter auseinander setzen sollte. Ob es Wasser oder Dünger braucht oder auch mal Schatten vor der brennenden Sonne.

Gärtner haben starke und schwache Pflanzen

So gut das Saatgut auch sein mochte – jede Pflanze entwickelt sich anders. Die einen sind stark und halten robust allen Widrigkeiten von Wetter, Wassermangel oder Wachstums-Wettbewerbern stand. Andere schwächeln schon, wenn ich mich nicht oft genug um sie kümmere. Doch alles hat sein Gutes: Wo die eine Pflanze kräftig wächst, kränkelt die andere hinterher. Das ist keineswegs schlimm, denn mit guter Pflege entwickelt sich mancher Kümmerling später zu einem Prachtgewächs. So stehen mir erfreulicherweise bei der Ernte dann eben nicht alle Salatköpfe zeitgleich zum Verzehr parat, sondern es ergibt sich eine für alle Beteiligten gesunde Reihenfolge.

Gärtner lernen motiviert

Wir übernehmen unsere Parzellen Anfang Mai und geben sie Ende November wieder an unsere Gartenchefin Nermin zurück. Damit die Erde im Winter Kraft schöpfen kann. Nermin ist Gartenbaumeisterin mit Fachrichtung (Bio-)Gemüse. Wir lernen beständig von ihr und schauen uns Tricks und Kniffe ab. Sie zeigt uns jede Woche, was wir wann und wie genau tun sollen. Wir lernen Saat- und Reihenabstände, Horstsaat (immer drei Samen – beispielsweise Bohnen – in ein kleines Loch) und das richtige Mulchen.

Denn bei den wachstumsstarken Pflanzen wird eben auch mehr Wasser und Nährstoff gebraucht. Und den bekommen beispielsweise Jungzucchini und -kürbisse durch auf den Wurzelballen aufgelegtes Stroh (Pflanzenreste = Mulch), welches den Boden vor Austrockung schützt und sich zu Nährstoffen zersetzt.  Zu beachten ist auch, wie genau Jungpflanzen gesetzt werden: Die einen brauchen eine freie Knolle, damit die Kohlrabi auch schön groß und rund werden können. Die anderen sollen tief in die erde und dann um die Wurzel aufgehäufelt werden, damit die Wurzel sicheren Halt bekommt (Zuckermais) oder ein möglichst langes, zart-weißes Wurzelstück zum Verzehr entsteht (Porree).

Gärtner haben Saisonphasen

Doch auch unsere „kurze“ Ackersaison hat deutliche Phasen: Wenn am Anfang noch wenig wächst, stehen wir in der Pflicht, den Boden feucht zu halten – indem wir gießen, harken und Beikraut zupfen. Dann kommt die Pflanzphase, in der wir Jungpflanzen setzen, die teils nur ganz kurze Zeitfenster haben, um in die Erde zu kommen. Dann kommt schnell die erste, kleine Ernte – die uns alle immer wieder beglückt. Dieses Jahr hatte der junge Spinat die Nase vorne, 2015 waren es 3 (!!!) Radieschen.

Und dann geht es schnell richtig los – die Gärtner kommen von der Investitionsphase endlich in die Verdienstphase. Sie können ihre Ernte einbringen und auf dem Markt verkaufen. Klar gibt es in der Zeit der „Zucchinischwemme“ niedrigere Preise, als zu Zeiten der ersten oder letzten Früchte. Der erfahrene Gärtner lernt schnell, wie er durch Ausknipsen von Blüten oder Abschneiden sehr kleiner Früchte die Pflanze an die Marktbedürfnisse anpassen kann. Wertschätzend und unschädlich für die Pflanze, die ihm ja weiteren Ernteerfolg bringen soll.

Am Saisonende dann immer wieder dicke Ernten. Doch auch Abschiednehmen, denn jetzt erfolgen grundlegende Veränderungen. Einjährige Gewächse kommen auf dem Kompost oder werden als Mulch ausgezupft, enterdet und liegen gelassen. Andere finden ein Winterquartier im Blumentopf, auf dass sie auch 2017 wieder in die Erde dürfen.

Gärtner schaffen Ordnung

Immer wieder sind auch mal Rückschnitte oder das Ausreißen von Störenfrieden erforderlich. Einige wandern auf den Kompost, manche in den heimischen Blumentopf und kranke direkt auf dem Müll. Damit ausreichend Freiraum auf meiner Parzelle bleibt und kein Gewächs das andere bedrängen oder anstecken kann.

Doch das Gärtnern hat auch viel mit dem eigenen Leben zu tun. Denn das Beikraut-Zupfen oder Vereinzeln sind durchaus meditative Tätigkeiten, die der Seele gut tun. Das Ernten zeigt uns, dass sich alle unsere investierte Mühe am Ende gelohnt hat. Wir lernen das ganze Jahr über immer wieder „Loszulassen“. Weil Manches einfach nicht wachsen will. Weil der Hagelschauer schneller war. Weil wir lieber zur Party als aufs Feld gingen und unsere Pflanzen darbten.

Gärtner sind Vorbilder

Wir als engagierte Gärtner holen unsere Pflanzen mit viel mehr Wertschätzung vom Feld, als es ein Handgriff ins Supermarktregal erfordert. Wer so viel Energie in die Früchte gesteckt hat, der behandelt sie auch mit viel mehr Wertschätzung.

Ich jedenfalls habe kein Stück meiner Ernte 2015 weggeworfen oder vergammeln lassen. Alles wurde geerntet, an nette Menschen verschenkt, direkt gekocht und eingefroren, zu Smoothies und neuen Genussvarianten und am Ende….aufgegessen.

Diese Geschenke der Natur, die uns so wunderbar nähren, sollten wir immer mit der angemessenen Wertschätzung behandeln. Und was soll ich sagen? Ich konnte letztes Jahr fünf Menschen dafür begeistern, indem ich sie einfach mal aufs Feld mitgenommen habe. Wo sie selbst erkennen konnten, um wie viel leckerer die Früchte sind, wie viel Spaß das Gärtner-Dasein macht und wie gut der Austausch mit Anderen oder auch mal die Stille tut.

Was braucht ein (Unternehmens-)Gärtner?

– Hochwertigen Boden, auf dem alles gedeihen kann (= Respektvolle Unternehmenskultur)
– Starkes Saatgut (= Fach- und sozialkompetente Bewerber)
– Angemessene Wassergaben (= anspruchsvolle Aufgaben)
– Hin und wieder sortenbezogene Düngergaben (= Anerkennung)
– Auszupfen von Beikraut und Setzen von neuen Pflanzen (= Teambuildung)
– Pflanzplan in Sachen Gattungen und Fruchtwechsel (= Personal-Strategie)
– Beweggründe für sein Handeln und seine Entscheidungen (= unternehmerische und persönliche Ziele)
– Das Wissen darum, welche Pflanzen einander wohltun und welche sich schaden (= Führungskompetenz + Sozialkompetenz)
– Das Bewusstsein dafür, dass der Boden „auslaugt“ und daher die Umsetzung an einen anderen Standort im Folgejahr befruchtend wirkt (= Fachwissen und Methodenkompetenz)
– Lockmittel für fleißige Arbeitsbienen für die Bestäubung (= Motivation)
– Komposthaufen (= Fähigkeit zum Loslassen)

Ein guter Gärtner (= Führungskraft) versteht sich als Dienstleister für den ihm anvertrauten Boden und seine Bepflanzung (= Mitarbeiter). Er übernimmt die Verantwortung und trifft wichtige Entscheidungen. Sofern er seinen Job engagiert und respektvoll ausführt, sind alle Voraussetzungen für eine reiche Ernte (= Unternehmenserfolg) gegeben. Auf Witterung und Naturgewalten (= Markt) hat er kaum Einfluss. Doch wer sich schützend über seine Pflänzchen stellt, darf sich über reiche Ernte freuen.

Meine Mission ist, Menschen auf Bühnen und im Business zu einem begeisternden und authentischen Auftreten zu ermutigen. Mit dem #WOWFaktor - dem Plus an ehrlicher #Wertschätzung.

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