Mach die Kamera an …

Wann immer es um die Moderation von Online-Meetings geht, höre ich das gleiche Klagelied: Die Teilnehmenden verweigern die Kameranutzung. Sie lassen ihre Webcam mit den spannendsten Begründungen einfach ... aus. Nahezu alle Moderatoren suchen nach Wegen, wie sie diesem Thema begegnen können. Doch warum ist diese Aufforderung so wichtig:

Bitte mach die Kamera an!

Ein kurzer Blick auf das Theme Kommunikation. Wir sind es gewohnt, uns bei einer Live-Begegnung anhand verschiedener Faktoren zu erleben: Stimme, Sprache, Körpersprache, Mimik, Gestik, Kleidung, Accessoires und mehr. Einige dieser Kommunikationsebenen fehlen uns online oftmals - gerade, wenn die Kamera "aus" bleibt.

Doch erst, wenn wir die anderen Teilnehmenden auch sehen können, kann in der Gruppe ein Gefühl von Vertrauen und einem Miteinander entstehen. Erst dann können wir wirklich zielführend arbeiten - und Menschen wachsen lassen oder sie für etwas begeistern. 

Die Frage nach dem Warum

Wenn wir über Menschen am andern Ende der Datenleitung urteilen, dann geschieht das gerne aus unserem eigenen Blickwinkel. Auf Basis unserer eigenen Weltenlandkarte. Doch die hat oft mit der Lebenswelt unserer Teilnehmenden wenig zu tun. Daher lohnt es sich, zuallererst einen Blick auf die möglichen Gründe zu werfen, warum die Kamera beim Teilnehmenden "aus" bleibt:

A | Technische Gründe

  • Das Gerät verfügt über keine Kamera. Aus Gründen der DSGVO haben manche Unternehmen Laptops ohne Kameras bestellt oder die Kamera deaktiviert. 
  • Die Kamera ist defekt. Das kann durchaus vorkommen, ist jedoch eher unwahrscheinlich und klingt daher leicht nach einer Ausrede. Doch Achtung: Gerade in trubeligem Umfeld fällt auch eine Webcam mal runter, weil jemand am Kabel hängen geblieben oder die vom Bildschirm gefegt hat. Wir sollten also unsere Vorurteile im Zaum halten ...
  • Die Kamera zeigt zu viel vom Raum. Darunter vieles, was der Teilnehmende lieber verbergen würde. Sei es, weil dort andere Menschen unterwegs sind - oder weil heillose Unordnung herrscht.
  • Die Kamera verzerrt das Bild total. Ergebnis: Es wird eine optisch sehr ungünstige Froschaugen-Perspektive gezeigt.
  • Die Bandbreite ist unzureichend. Die vorhandene Datenleitung schafft keine dauerhafte Übertragung, das Bild bricht immer wieder ab - und bleibt deshalb auf Dauer aus.
  • Unkenntnis über Kameraaktivierung. Es gibt auch heute noch Menschen, die noch nie in einem Online-Meeting waren. Diese wissen manchmal nicht einmal, wie sie die Kamera an ihrem Gerät ansteuern oder einstellen können.
  • Eben ging noch alles! Es gibt viele Menschen, die haben so viel Angst vor der Technik, dass sie wildes Rumklicken beginnen, sobald sie sich unter Druck fühlen. Da wird dann auch schonmal eine Einstellung unbeabsichtigt gelöscht - doch es gibt keine Erinnerung daran, was genau wo verstellt wurde. Und ganz manchmal ... hat auch schon eine Katze aus Langeweile mal das Webcam-Kabel genüsslich zerkaut.
  • Kamerabild bleibt schwarz. Mir ist das schon passiert. Ich war mittelmäßig verzweifelt. Was war passiert? Ich hatte eine neue Kameraabdeckung installiert und hatte am Folgetag schlicht vergessen, das kleine Kläppchen wieder aufzuklappen. Manchmal klebt oder hängt auch einfach etwas über der Linse.

B | Persönliche Gründe

  • Bad Hair Day. Steht synonym auch für ungeschminkt, ungebügelte Kleidung, Schlafanzug noch an, verschwitzt, Pickel/ Akne und vieles in dieser Art.
  • Mehr als ein Teilnehmender vor dem Rechner. Gerade bei bezahlten Webinaren, Live-Online-Trainings oder -Workshops möchten Teilnehmende auch ihren Partner, Kinder, Freundin oder Kollegen teilnehmen lassen. Bezahlt ist doch bezahlt, oder?
  • Wunsch nach Unsichtbarkeit. Gerade Schüchterne oder Hochsensible, sehr Gläubige mancher Religionen oder Menschen mit körperlichen oder mentalen Einschränkungen tun sich mit dem Sichtbarwerden vor der Kamera schwer. Sie versuchen öfter, diese Situation mit allen Mitteln zu vermeiden.
  • Eine Frage der Gewöhnung. Erstaunlich oft an Hochschulen zu finden, weil diese den Studierenden die Kamerabenutzung von Beginn an "abtrainiert" haben. Warum? Nun, weil sie - um Geld zu sparen - nur wenige Lizenzen für WebEx (eine Online-Meeting-Plattform) gekauft hatten. Damit konnten fast nur die Professoren die Kameras nutzen.
  • Typisch Studentenbude. Das bedeutet schlicht, dass der Bewohnende das ihn umgebende Chaos kreativ beherrscht (ha, ha, ha) und - statt einfach mal Ordnung zu schaffen - lieber die Kameranutzung verweigert. Das ist übrigens definitiv auch außerhalb von Studentenbuden ein weit verbreitetes Phänomen.
  • Privatsphäre schützen. Manch einer führt die Privatsphäre, die es zu schützen gilt, als Grund an. Ehrlich: Nach nunmehr über zwei Jahren in der Online-Welt sollte sich jeder ein Plätzchen gesucht haben, von wo aus er oder sie weitgehend gefahrlos an Online-Veranstaltungen teilnehmen kann. Okay, vor kuschelbedürftigen Katzen, eifersüchtigen Hunden und neugierigen Kindern (liebe Eltern, Achtung: Eure Kinder haben das Recht am eigenen Bild und dürfen nur mit ihrer Zustimmung online auftreten! Das gilt insbesondere, wenn das Meeting aufgezeichnet wird.) gibt es keinen Schutz - doch die können eben auch einen Heiterkeitsfaktor in diese oft ermüdenden Online-Meetings bringen, oder?

Bitte mach Deine Kamera an! - Lösungsangebote

Was kann der engagierte Moderierende nun also tun, um seine Teilnehmenden dazu zu bewegen, die Webcam anzuschalten? Dafür gibt es einige Optionen, die sich in der Praxis bereits häufiger als hilfreich erwiesen haben. Je nach Thema, Teilnehmergruppe und Charakter des Moderierenden können sie sehr unterschiedlich ausfallen - doch fast alle führen zum Ziel.

Wichtig bei alledem ist jedoch, immer einen wachen Geist für die wirklichen Bedürfnisse der Teilnehmenden zu behalten. Zu spüren, wenn es echten Widerstand gibt. Das bedeutet auch: Niemanden wirklich mit massiven Worten zu zwingen, die Kamera anzumachen. Denn damit hast Du als Moderator in der Gruppe direkt jegliches Ansehen verspielt.

Kamera an! - Der Appell

  • In die Einladung schreiben. Wer zu einem Online-Meeting kommt, sollte vorher wissen, was er erwarten darf - und was von ihm erwartet wird. Daher bitte schon bei der Einladung gut sichtbar dazuschreiben, dass eine Teilnahme mit aktiver Webcam gewünscht wird.
  • Das "Warum" zu Beginn begründen. Wenn die Menschen sich gegenseitig im Videobild sehen können, wirkt das vertrauens- und beziehungsfördernd. Je nach Thema kann es entscheidend sein, dass der Moderierende einen "geschützten Raum" kreiert, in dem sich Menschen öffnen können. Wenn dies vorab erklärt wird, wächst meist die Bereitschaft, die Kamera anzuschalten. Zum Warum gehört auch, dass Mimik und Gestik wertvolle Bestandteile unserer Kommunikation sind, um Missverständnisse zu vermeiden und ein geschmeidiges Miteinander zu ermöglichen.
  • Die braune Packpapier-Tüte. Oft hilft der simple Vergleich: Würdest Du als Teilnehmender statt hier ins Online-Meeting jetzt in ein Präsenz-Meeting gehen, dann würdest Du Dich ordentlich zurechtmachen. Du würdest niemals mit einer braunen Packpapiertüte über dem Kopf im Seminar- oder Konferenzraum erscheinen. Du würdest auch keinesfalls einfach zuhause bleiben und Dich so "unsichtbar" erscheinen lassen.
  • Dein aktuelles Foto. Wenn Du schon - wenn auch nur phasenweise - ohne Kamera dabei sein "musst", dann sorge bitte dafür, dass statt der rein schwarzen Video-Kachel mit Deinem Namen wenigstens ein aktuelles Foto von Dir im für alle sichtbaren Videoschirm angezeigt wird. So fällt es allen leichter, Dich anzusprechen - weil wir ein Bild vor Augen haben.

Kamera an! - Die Privatnachricht

Sofern ein Moderierender zum Meeting einlädt und dabei explizit die Kamerabenutzung erbittet, sollten sich Teilnehmende daran auch halten. Oder von der Teilnahme absehen. Sofern dieser Wunsch vorab klar geäußert wurde, ein Teilnehmender die Kamera dann aber doch wieder deaktiviert, schreibe ich diesen per privater Nachricht (über den Chat auf jeder mir bekannten Online-Plattform möglich!) an und bitte höflich um die Reaktivierung. Wird diese Erinnerung mehrfach in einem Online-Meeting notwendig, dann rufe ich den Teilnehmenden in der nächsten Arbeitspause auch durchaus mal an und frage nach seinen Gründen und erbitte - sofern möglich - darum, ab sofort wieder mit Kamera dabei zu sein.

Kamera an! - Schreib es in die Einladung ...

Mein Tipp daher: Schreibe es direkt mit in die Einladung, dass die Teilnahme bitte mit Videobild erfolgt. Das halten manche für übergriffig. Ich sehe das etwas anders: Der Moderierende hat eine ohnehin schon sehr anstrengende Aufgabe - neben dem Thema als Kompetenzträger, der Aufgabe, den Menschen Inhalte zu vermitteln, die kompetente Benutzung der Technik darf er auch noch die Gruppe zusammenhalten und führen. Das ist ein Hardcore-Job, der viel Energie fordert. Er hat daher das Recht auf Selbst-Respekt für sich und seine Arbeit.

Daher gilt bei mir: 
Mein Raum - meine Regeln.

Das schmeckt keineswegs jedem. Dennoch ist es ist eine Frage des Respektes und einer angemessen guten Erziehung, wie ich mich als Gast in einem mir fremden Haus verhalte. Im Endeffekt bin ich als Gast doch froh, wenn ich mit den anderen Gästen eine gute Zeit haben kann, statt den ganzen Abend gelangweilt in der Besenkammer zu hocken.

Doch genau das tun viele Menschen online: Sie hocken sich mit ihrem Mindset abseits der anderen in die Abstellkammer. Dort hören sie die ganze Zeit die anderen Lachen und sind ... neidisch. Am Ende heißt es dann: Ich bin (Zoom)-müde, mir war langweilig und es hat sich keiner um mich gekümmert. Dieses "Online" ist ganz schrecklich.

Das ist allerdings einfach falsch. Denn wie bei einer Party so trägt auch in dieser Online-Welt ein jeder Gast seinen Teil zum Gelingen bei. Wer sich - ohne Kamera - quasi direkt in die Abstellkammer setzt, kann der Party doch besser auch gleich fernbleiben. Und wenn ich vom Chef zu der doofen Party gezwungen werde? Na, dann sollte ich die anderen Teilnehmenden und den Moderierenden dafür wohl kaum bestrafen, sondern vielleicht einfach das beste draus machen. Und mich später bei dem beschweren, der mich da hin gezwungen hat. Dann trifft es wenigstens den Richtigen.

Kamera an! - Die Aktivierung

Oft ist es der berühmte "Erste Schritt", den es für die Teilnehmenden zu gehen gilt, um die Kamerahürde zu überspringen. Ist die Kamera erst einmal an, dann bleibt sie es sehr oft auch. Daher mein Tipp: Bitte Deine Teilnehmenden zu Beginn (Kennenlernen) und zum Ende (Feedback), wenigstens "einmal kurz" die Kamera anzuschalten, um allen ein Bild von der Person zu vermitteln.

Und baue danach immer wieder Teilnehmeraktivierungen - beispielsweise aus dem Kartenset Online-Burger - ein, die die Kameranutzung voraussetzen. So fühlen sich die Kameraverweigernden spätestens beim zweiten oder dritten Mal ausgeschlossen und kommen vielleicht doch mit der Kamera hinzu. Insbesondere, wenn sie merken, dass die anderen Teilnehmenden eine Menge Spaß bei den Aktivierungen haben.

  • Zeige XY in die Kamera. Bitte die Teilnehmenden einen bestimmten Gegenstand oder etwas in einer bestimmten Farbe in die Kameralinse zu halten.
  • Die PostIt-Fragen. Alle decken ihre Linse mit einem - gerne bunten - PostIt ab. Dann stellt der Moderierende verschiedene Fragen - und wer die Frage zustimmen beantwortet, zupft das PostIt von der Linse.
  • Verschenke ein Bewegungsangebot. Ob gemeinsames Tanzen vor der Webcam (gerne Mikros aus, so das jeder seine Lieblingsmusik in der Playlist hören kann), eine Yoga-Einheit zur Dehnung, eine Meditation oder eine humorvolle Bewegungsaufgabe - wie beispielsweise "Galopprennen" oder "Ausschütteln" aus dem Online-Burger. Sie sorgen oft auch dafür, dass auch die Zurückhaltenderen sich vor die Kamera trauen. Weil sie sehen, dass sich alle anderen auch gefühlt "zum Affen" machen. Das positive Befindlichkeits-Plus am Ende der Bewegungsübungen trägt zum Wohlbefinden aller bei und meist haben gerade nach lebendigeren Aufgaben die meisten ein breites Lächeln auf dem Gesicht. Und ja, das gilt übrigens auch für Führungskräfte, denen diese teils leicht albernen Übungen auch viel Freude bereiten.
  • Spielt Grimassen-Memory. Pro 10 Personen schickst Du eine Person als Memory-Spieler zurück in den Warteraum. Dann instruierst Du die anderen - denn sie werden quasi die Spielkarten. Sie werden zu zweit für 2 Minuten in Break-Out-Räume geschickt und verständigen sich auf eine Grimasse, die beide gleich darstellen. Dann kehren sie zurück und stellen ihre Kameras AUS (juchu!). Die Spieler werden wieder eingelassen. Sie decken mit Namensnennung immer zwei Kärtchen auf (die genannten Spielenden schalten die Kamera ein und stellen ihre Grimasse dar). Die Spieler versuchen abwechselnd, Paare zu bilden. Sobald ein paar gefunden wurde, bleiben deren Kamera angeschaltet. So werden es nach uns nach immer weniger "schwarze Kacheln".

Profi-Tipp: Kamera ... AUS!

Der ultimative Praxis-Tipp: Baue in Deine Online-Veranstaltungen immer wieder sehr bewusst Zeiten ein, in denen die Teilnehmenden ohne Kamera dabei sein können. Das können Einzel- oder Gruppenaufgaben sein. Das kann das Einspielen eines Audiofiles oder Podcasts sein. Kamera-Aus-Zeiten entlasten alle Beteiligten. Denn da darfst auch Du als Moderierende mal ohne Kamera agieren. Mal nur eine PowerPoint präsentieren. Ein Video zeigen. Eine Entspannungsübung machen. Eine Power-Nap-Pause für ein Minischläfchen oder ein Augen-Pause (Palmieren) sein.

Das ist besonders für die Personen sehr erleichternd, die sich zu den Introvertierten zählen. Hier können die Schüchterneren, die Hochsensiblen und auch der Moderierende einfach mal ... verschnaufen. Und das kommt in dieser eng getakteten und effizienten Zeit oft viel zu kurz. Solche Kamera-Pausen sind ein Geschenk an alle.


Mentorin für bemerkenswerten Auftritte mit Mikrofon, Marker und Webcam - und einer Leidenschaft für Deinen individuellen #WOW-Faktor.

Schreibe einen Kommentar