Jürgen Klopp – ein Vorbild an Respekt

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Sonntag am späteren Morgen. Mein Mann und ich sitzen am Frühstückstisch. Nach dem Frühstück und vor der Lektüre der „Welt am Sonntag“ schnell ein Blick in Facebook. Und was sehe ich da? Ein Posting vom Dortmunder Trainer Jürgen Klopp….

Doch schauen wir zurück, was dem vorausging:
Samstagabend, 25.05.2013, kurz nach 20:30 Uhr.

21,61 Millionen Deutsche sitzen vor Ihren Fernsehern und freuen sich auf das deutsch-deutsche Champions-League-Finale, welches im britischen London ansteht. Mehrere zehntausend Fans aus Bayern und noch ein paar mehr aus Dortmund haben sich mit allen verfügbaren Verkehrsmitteln auf den Weg gemacht, um das Londoner Wembley-Stadion in einen Hexenkessel zu verwandeln – selbst Menschen ohne Stadion-Ticket sind angereist, um ihren Verein bei dieser wichtigen Entscheidung zu unterstützen. Am Ende sind alle 86.298 Plätze in Wembley besetzt. Eine unglaubliche Atmosphäre wirft ihre Schatten voraus.

Und so sitzt auch die Respektspezialistin mit Rotwein und Tapas bei Freunden auf dem Sofa…dem wir mit einem passenden Überwurf erst einmal die richtige Stadion-Atmosphäre geben.

Pünktlich startet das Spiel, Bela Rethy übernimmt den Kommentar im ZDF und die Familie, bei der wir zu Gast sind, hat sich aufgeteilt: Die Jugend – bestehend aus Hard-Core-Bayernfans – hat sich nach oben verzogen. Wir Erwachsenen gucken unten im Wohnzimmer – dabei ist die Gastgeberin auch eher Bayern-Fan. Klasse, dass sie bei uns bleibt, die wir halt heute einfach mal zu den Dortmundern halten, weil Bayern eben schon so viel gewonnen hat. Niemand von uns ist echter Fan eines der beiden Vereine und so ist die Stimmung fröhlich und vorfreudig…

Fußball unter Freunden…

Es folgt ein wirklich tolles Spiel. Mit zwei nahezu ausgeglichenen Mannschaften, tollen Ballwechseln und taktisch wie technisch hochklassigem Spiel. Es macht einfach Spaß, den Jungs auf dem Rasen zuzusehen und sich an einem fairen Spielverlauf zu freuen. In der Gesamtbetrachtung geben sich die beiden Mannschaften nichts – 43:57 Prozent Ballbesitz und 13:17 Torschüsse sprechen eine klare Sprache.

Die Dortmunder starten furios und in einem Tempo, welches kaum ein Mensch über 90 und mehr Minuten durchhalten kann. Die Bayern wirken zu Spielbeginn irgendwie fast überrumpelt von der Dortmunder Spieltaktik – eine Zeit lang hat die Currywurst eben einfach mehr Biss bewiesen, als die Weisswurst.

Es wird ein wirklich faires Spiel, welches allen Beteiligten Spaß macht. Am Ende geht aber eben nur eine Mannschaft als Sieger vom Platz…

Genau da liegt dann das Problem: Fußballfans befassen sich offensichtlich nur höchst ungern im Vorfeld mit der Möglichkeit, dass der eigene Verein als Verlierer vom
Platz gehen könnte. Wenn es dann soweit ist, sind sie unvorbereitet und geschockt. Sie reagieren mit Gewalt auf das, was in ihrem Kopf eben in keiner Weise vorbereitet war. Sie zeigen teils hochaggressives Verhalten, welches durch Alkoholgenuss und die damit einher gehende Enthemmung noch verstärkt wird.

Liebe und Hass liegen (zu) nahe beieinander

Schnell war am Samstag von „Hass auf die Bayern“ die Rede und es wurde seitens der Dortmund-Fans kaum mehr wahrgenommen, welch´ tolles Spiel ihre Jungs da auf dem Platz abgeliefert hatten. Auf diese Mannschaft konnte jeder mit breiter Brust stolz sein, auch wenn sie verloren hat. Denn sie war perfekt vorbereitet und hat auf dem Platz ganz sicher alles gegeben. Statt Frust über den Verlust kann man hier auch Wertschätzung für diese Höchstleistungen empfinden und glücklich darüber sein, dass die eigenen Spieler alles gegebenen haben, um ihre Fans würdig zu vertreten.

Ich war sehr betroffen, als ich am Sonntag dann via Facebook das besagte Posting von Jürgen Klopp zu lesen bekam. In diesem rief er „seine“ Fans im Ton tiefster Besorgtheit dazu auf, doch bitte keinen Hass gegen die Bayern zu schüren, sondern die sportliche Fairness walten zu lassen. Er bat in klaren Worten um Respekt vor der Großleistung der Gegner. Und das vollkommen zu Recht.

Und auch Jupp Heynckes und seine Mannen ließen in jedem Interview ihren Respekt für die wahrhaft starken Gegner aus Dortmund erkennen. Denn allen Beteiligten ist klar, dass die nächste Chance schon bald kommen wird, bei der sich die schwarz-gelben wieder an den rot-weissen werden messen können – mit guten Siegchancen, wie es ja schon das eine oder andere Mal gezeigt hat.

Sport basiert auf Fairness. Echte Sportler können nur dann einen Sieg wirklich genießen, wenn dieser auf einem in jeder Hinsicht fair ausgetragenen Wettkampf basiert. Dieses Spiel war ein sehr faires und es würde uns alle ein Stück weiterbringen, wenn die Fans diese Sichtweise übernehmen würden. Ein verlorenes Spiel oder der Wechsel zu einem anderen Verein bedeuten keinesfalls das Ende aller Freundschaft. Und die nächste Chance auf Revanche kommt bestimmt….

Wo Sportler fair kämpfen, können Fans noch viel lernen. Denn bei ihnen regiert etwas anderes: Das Gefühl, dass der Verlust der „eigenen“ Mannschaft auch ein Gesichtsverlust für den Fan ist. Es ist toll, wenn sich Fans stark mit ihrer Mannschaft identifizieren und vermeintlich alles geben (Kauf von Tickets und Merchandising-Produkten, Fangesänge, Plakate, Banner & Co.), damit ihr Verein gewinnt. Doch die eigentliche Leistung machen die Jungs und Mädels auf dem Platz. Sie können stolz auf sich sein oder frustriert ob eigener Minderleistung. Sie wissen auch genau, dass sie eben im entscheidenden Moment zu wenig gegeben haben…oder eben auch mal einfach nur Pech hatten.

Warum Fans Frustrationen ausleben

Die Fans hingegen wollen sich im Glanz des Erfolgs ihres Vereins sonnen. Sie übernehmen das Gefühl des „Siegerseins“ so in ihr limbisches System (Belohnungszentrum im Gehirn), als sei es ihr eigener Erfolg. Beim Misserfolg empfinden sie stattdessen das Gefühl von lähmender Hilflosigkeit, der der Mensch eben gerne auch mal – insbesondere unter Alkohol – durch körperliche Abreaktion entgegen tritt. Wer Frustration mit Aggression begegnet, gefährdet sich selbst. Und oft auch andere Menschen. Wer sich wiederholt dabei ertappt, dass es ihm richtig schwer fällt, ein verlorenes Spiel für sich zu verarbeiten, der täte gut daran, die mentalen Fußballschuhe „an den Nagel“ zu hängen…

Denn er selbst leidet am meisten unter der Situation. Vielleicht ist es dann ein besserer Weg, die überbordenden Energien in selbst ausgeübten Sport zu investieren. Sich körperlich abzureagieren und so dem limbischen System ganz individuelle Erfolgserlebnisse zu verschaffen. Das verschafft Befriedigung in einem Maß, dass „Passivsport“ nie erreichen kann. Und klar – Emotionen suchen sich ihren Weg…

Wir können von Jürgen Klopp lernen, uns schon vor einem Spiel auf eine Niederlage vorzubereiten und den angemessenen Umgang damit zu pflegen. Wir verstehen, dass auch Verlierer unseren Respekt verdienen und dass ein verlorenes Fußballspiel eben kein Weltuntergang ist. Jürgen Klopp ist ein in der Öffentlichkeit extrem respektvoll auftretender Trainer, der seine Mannschaft vor den Übergriffen der Fans und die Fans vor der Selbstzerfleischung schützt. Ein Mann, der das Gebot der sportlichen Fairness hochhält und der dies allen Beteiligten zu vermitteln versucht. Nehmen wir ihn uns als Vorbild….denn Sport macht nur dann wirklich Spaß, wenn ihm ein respektvoller Umgang zu Grunde liegt. Und dann – und nur dann – kann man den Pokal auch mit vollem Stolz in die Höhe recken…

 

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