Gefangen – im Netz des Respekts

Respekt im Netz

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Fehlt auch Ihnen der nötige „Respekt“ im Netz? Immerhin verbringen wir viel Zeit in den neuen Medien: Je nach Statistik sind wir Deutschen im Durchschnitt zwei Stunden täglich „im Netz“ – beruflich wie privat. Das sind ¼ Arbeitstag oder 12,5 Prozent unserer täglichen Wach-Zeit. Viel Zeit für viel Angriffsfläche…denn die Tücken liegen weniger in der Technik, als im Menschen selbst.

Das Internet entstand 1969 aus einem Projekt des US-Verteidigungsministeriums. Es wurde zunächst in universitärem Umfeld genutzt, um die Kapazitäten der teuren Großrechner (die damals diesen Namen noch verdienten) optimal zu nutzen. Der Datenaustausch bestand aus bits und bytes – auf respektvollen Umgang brauchte damals noch niemand Augenmerk zu legen. Denn damals gab es noch keine eMails und Chats.

In den 80er Jahren entstand mit Mailsystemen wie Datex-P der Datenaustausch auch zwischen Privatnutzern und auf professioneller beruflicher Ebene. Schnell war die „Netiquette“ geboren – die Etikette im Netz. Die erste Empfehlung der Netiquette lautete folgerichtig: „Vergiss nie, dass auf der andern Seite ein Mensch sitzt!“ Ziel ist, dass für alle Teilnehmer eine angenehme Art der Kommunikation entsteht.

Im realen Leben kommunizieren wir mit mehreren Sinnen

Apropos Kommunikation: Wir Menschen kommunizieren grundsätzlich mit mehreren Sinnen. Wir sehen, hören, riechen unser Gegenüber und fassen es – beispielsweise bei einem Händedruck – auch schon mal an. Unseren Partner oder unsere Kinder „schmecken“ wir auch schon mal. Mehrere Sinne arbeiten also zusammen, um einen optimalen Eindruck unseres Gegenübers zu bekommen. Fehlen nun einige dieser Sinneswahrnehmungen, entsteht ein unvollständigeres Bild – Missverständnissen sind Tür und Tor geöffnet. Die nonverbalen Signale wie Körpersprache, Stimm-Modulation oder Gestik fehlen. Zum Teil wird Mimik durch die mittlerweile in eMails ausufernd genutzten Emoticons (Smileys) ersetzt – oft erfolglos. Das Ganze war inzwischen Grund genug für den Deutsche Knigge-Rat im Jahr 2010 seine Höflichkeitsregeln zum Umgang in sozialen Netzwerken herauszugeben. Doch das Internet ist mehr als „nur“ die sozialen Netzwerke.

Anonymität verführt – dazu, die eigene Macht auszunutzen

Das Netz ist ein Tummelplatz von Menschen, die die Anonymität missbräuchlich nutzen: Sie mobben, stalken andere Menschen oder begehen Cyber-Kriminalität. Hier ist es wichtig, dass in Deutschland schon im Schulalter das Thema Medienkompetenz intensiv vermittelt wird. Hier ging SchülerVZ vor einiger Zeit in die Vorreiter-Rolle und entwickelte das Programm „Respekt im Netz“, im Rahmen dessen die Mitglieder einen „Stempel“ bekommen konnten, wenn sie die Fragen zu diesem Thema korrekt – also wertschätzend gegenüber Anderen – beantwortet hatten.

Ich habe in den vergangenen vier Jahren über 700 Schüler mit BerufsOrientierungsCamps, Coachings und Trainings dabei unterstützt, den für sie richtigen beruflichen Weg einzuschlagen. Ich habe sie alle in Google und Facebook „gesucht“ – und die überwiegende Zahl dort auch gefunden. Teils mit bestens geschützten und kontrollierten Profilen, doch teilweise auch mit hanebüchenen Angaben, diskriminierenden, anzüglichen, abstoßenden oder schlicht idiotischen Fotos und Kommentaren. Ich habe das Thema „eigene Daten im Netz“ immer intensiv besprochen und den Schülern bewusst gemacht, dass Arbeitgeber sie auch im Netz „suchen“. Das Ergebnis: Ungläubiges Staunen. „Dürfen die das denn?“ fragte eine Schülerin und war ganz erschrocken, als sie die Antwort erhielt, dass sie die Inhalte wohl selbst ins „öffentliche“ Netz gestellt habe – und das ist eben auch für „Fremde“ zugänglich. Fremde – wie beispielsweise Arbeitgeber.

Was suchen Arbeitgeber im Netz?

Ja, Arbeitgeber und jeder andere Mensch im Netz hat Zugriff auf das, was ich selbst oder andere über mich ins Netz stellen. Das alleine sollte Grund genug sein, intensiv darauf zu achten, was online über mich erscheint. Und auch auf mein Benehmen im Netz sagt viel über mich aus: Duze oder sieze ich fremde Menschen? Wie lange brauche ich, bis ich Antworten auf gestellte Fragen oder übersandte Mails gebe? Schreibe ich Texte nach den klassischen Regeln – also mit Groß- und Kleinschreibung und unter Beachtung der üblichen Rechtschreibung und Interpunktion. Oder nehme ich, durch Verzicht darauf, Verständnisfehler in Kauf? Ein in Facebook und Twitter grassierendes Beispiel verdeutlicht das recht drastisch: „Komm´ wir essen Opa“ steht da auf einem T-Shirt. Darunter der Zusatz: „Interpunktion kann Leben retten“. Stimmt!

Wir alle wissen, dass Cybermobbing oft das genaue Gegenteil bewirkt: Im Schutz der (vermeintlichen) Anonymität wird gelästert und gemobbt, es werden Lügen und bearbeitete Fotos veröffentlicht. Und damit anderen – teils sogar wildfremden – Menschen massiver Schaden zugefügt. Es geht um Dinge wie Aussehen, Einstellung, Orientierung, Besitz, Interessen oder Können + Kenntnisse. Es werden Menschen auf schamlose Weise in die soziale Ausgrenzung bis zur Isolation getrieben. Indem sich ein – zumeist selbst eher schwacher – Mensch über einen anderen stellt und diesen „verurteilt“. Mitläufer tragen ihr Scherflein zum Erfolg bei – aus Angst, selbst zum Opfer zu werden.

Worauf es im Netz wirklich ankommt

Hand auf Tastatur Für mich bedeutet Respekt im Netz vor allem eines: Behandele andere Menschen so, wie Du selbst behandelt werden möchtest. Ich tue mich leichter damit, Texte mit klassischer Rechtschreibung statt linkischer Kleinschreibung zu lesen. Ich erhalte Antworten auf meine eMails gerne binnen 48 Stunden. Ich lese Mails entschieden lieber, wenn diese mit einer Anrede beginnen und einer Grußformel enden. Ich lese keine eMails ohne Betreffzeile oder von abstrusen Mailadressen. Ich werde gerne gefragt, ob wir uns duzen oder siezen. Deswegen bin ich noch lange kein „NetCop“ – also jemand, der es mit der Etikette im Netz allzu ernst nimmt. Auch bei mir geht mal eine flapsige Mail raus.

Doch wenn mein „Gesprächspartner“ zurückhaltend oder verschnupft reagiert, dann spüre ich das zumeist und entschuldige mich in aller Form für das Missverständnis, welches aufgrund mangelnder Kommunikationsebenen entstanden ist. Und wenn ich mir bei einem Text oder Foto unsicher bin, dann verzichte ich lieber darauf, als einen anderen Menschen in Verlegenheit oder zur Zornesröte zu bringen. Und vor allem liebe ich zwei Worte – auch im Netz: Bitte und Danke!

Mentorin für bemerkenswerten Auftritte mit Mikrofon, Marker und Deinem individuellen #WOW-Faktor.

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