Was verdienst Du?

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Es ist wohl bereits die zweite Folge dieser Sendereihe. Für mich ist es die erste – und mit Sicherheit auch letzte. Heute geht es um die Wurst. Genauer gesagt um die „Neue Pommersche Fleisch- und Wurstwaren GmbH“ im Ort Pasewalk (Kreis Greifswald) in der strukturschwachen Uckermark. Das Unternehmen stellt unter anderem Würstchenkonserven, Fleischwaren und Convenience-Produkte wie Eintopfgerichte her. Diese werden über große Handelsketten vertrieben.

Detlef Deutschländer, Inhaber der Deutschländer Ingenieur Consulting aus Hiltpoltstein, hat die Firma im Juli 2012 aus der drohenden Insolvenz aufgekauft. Er wolle nicht zusehen, wie über 100 Jahre Fleischertradition in Pasewalk „plattgemacht“ werden, so äußerte der Mann, der von Fleischwaren bislang wohl wenig Ahnung hat(te). Denn eigentlich kommt Herr Deutschländer aus der Produktion von Vitamin- und Diätprodukten – und betreibt zudem bei Pasewalk ein Schlosshotel mit hauseigenem Golfplatz. Dieser Neu-Chef ist nun also bereit, in diesem ohnehin schon gebeutelten Unternehmen mal eben „für´s Fernsehen“ die Gehälter aller Mitarbeiter offenzulegen.

Gefährliche Transparenz

Da hat die rettende Hand von Detlef Deutschländer das Unternehmen mit zuletzt 55 Mitarbeitern quasi „auf dem Sterbebett“ übernommen.  Er führt es jetzt mit gerade mal 15 verbliebenen Mitarbeitern weiter. Das erste was ihm einfällt ist, die demütigenden Niedrigst-Löhne seiner Mitarbeiter mal gleich vor der ganzen Fernsehnation offen zu legen. Arbeiter und Angestellte, die dem zustimmen, schreiben ihren aktuellen Lohn auf einen großen Zettel und präsentieren ihn den Kollegen und den Zuschauern.

Spontan wird so – pünktlich am Folgeabend der Bundestagswahl  – Öl ins Feuer der Mindestlohndebatte geschüttet: Zwischen 5 € und 7,60 € erhalten die Pommerschen Mitarbeiter des Herstellungsbereichs. Weshalb schon innerhalb der Produktion ein solches Lohngefälle existiert, bleibt im TV weitgehend unbeantwortet. Klar, die Region ist strukturschwach und jeder froh, wenn er überhaupt einen Job hat – doch diese Löhne grenzen an Ausbeutung. Unter 1.000 € netto sind auch in der Uckermark zu wenig zum tragfähigen Überleben. Ein Urlaub im Ausland bleibt da ein Lebenstraum, die Gründung einer eigenen Familie ein gefährlicher Balanceakt.

Unternehmenskultur? Fehlanzeige!

Im Juli blieb nach der Übernahme von der ursprünglichen Belegschaft gerade mal ein Viertel übrig. Damit ist zwar jeder der Verbliebenen froh, dass er oder sie noch einen Job hat – doch das Unternehmen ist mitten in einem schweren Umbruch. In einer solchen Situation Experimente mit dem Medium Fernsehen zuzulassen, ist ein höchst gefährliches Unterfangen. Die Langfristfolgen? Werden wir sehen…

Übrigens hat Firmenchef Deutschländer auch sein „Gehalt“ im Unternehmen offen gelegt: 0,00 Euro zahlt sich der Verantwortliche. Er lebt laut seinen Aussagen von seinen Rücklagen und den Einkünften aus dem familieneigenen Schlosshotel. Sein 250 Mitarbeiter starkes Unternehmen mit fünf Standorten in Deutschland und Tschechien, welches Diätprodukte und Nahrungsergänzungsmittel produziert, bleibt gänzlich unerwähnt.

Haben die Menschen das verdient?

Das Fernsehen legt keinen Wert auf respektvollen Umgang mit Menschen, sondern schielt auf gute Quoten, die Werbung besser verkäuflich machen. So ein Fernsehteam fällt für einige Tage im Unternehmen ein. Es bringt die Betriebsabläufe durcheinander und die Mitarbeiter noch viel mehr. Sie werden – auch auf persönlicher Ebene – ziemlich „ausgezogen“. Was das mit den betroffenen Menschen macht, ist den Menschen vom Sender allerdings schnurzpiepegal. Wie wir ja alle zur Genüge an den Kandidaten von DSDS, Popstars & Co sehen, die nach Ende der Sendung oft lebenslang mit den psychischen  Nachwirkungen quotentauglicher „Beurteilungen“ durch vermeintliche Fachleute zu leben haben.

Doch hier geht es Mitarbeitern nicht um „fünf Minuten Ruhm im Rampenlicht“ – sondern um das nackte Überleben in einer strukturschwachen Region. Mit einem Chef, der vermutlich kaum finanzielle Sorgen kennt und der sich von der Sendung wohl vor allem ein Bekanntheitsplus seiner neuesten Investition verspricht.

Gesunde Unternehmenskultur entsteht aus Respekt

Ein solcher Umgang mit den eigenen Mitarbeitern ist respektlos. Ein Chef hat eine Fürsorgepflicht. Mitarbeiter in einer solchen Situation vor die Kameras der Nation zu zerren, ist verantwortungslos – zumal, wenn diese Menschen hinterher mit ihren Problemen wieder gnadenlos alleine gelassen werden. Was macht das mit Menschen, wenn sie sehen, dass Kollegen bei gleicher Arbeit deutlich mehr verdienen? Darunter Kollegen, die teils weit weniger lange das Leid des zuvor sterbenden Unternehmens mitge- und ertragen haben? Das schürt Neid und Misstrauen. Was macht es mit Menschen, wenn sie das Gefühl haben, dass ihr Chef sie kaum kennt und wahrnimmt? Was passiert mit Leuten, die am Ende keine Veränderung auf ihrem Lohnzettel haben – sich aber mit dem Boss beim guten „Rotkäppchen-Sekt“ und einem Blumenstrauß über das neue Wir-Gefühl freuen (müssen)? Verbunden mit den Worten, dass die erwünschte Lohnerhöhung in den nächsten vier bis fünf Jahren realistisch erscheine…

In diesem Unternehmen herrscht kein respektvolles Klima. Die Situation, den Chef mal einen Tag in die Produktion einzuladen, ist nett gemeint – doch es wird für den Zuschauer schnell spürbar, dass da kein echtes „Miteinander“ entsteht und dass der Firmenlenker von der Ware an sich schlicht keine Ahnung hat. Wie sollen die Mitarbeiter da Vertrauen zu ihrem Boss entwickeln? Wieso geht der Chef nicht von selbst in die Produktion und zeigt Interesse am Produkt? Wie kann es sein, dass er keine Kenntnis vom bislang fehlenden Personalrabatt hat? Warum traute sich bisher kein Mitarbeiter, nach atmungsaktiverer Hygienebekleidung zu fragen? Neid und Misstrauen führen zu sinkender Motivation und entsprechenden Arbeitsergebnissen. Ich kann nur sagen, dass ich jeden Mitarbeiter bewundere, der nach dieser Sendung im Unternehmen verbleibt und weiterhin am Strang zieht – denn Geld ist das Eine, menschlicher Umgang das Andere.

In diesem Unternehmen scheint sehr viel im Argen zu liegen – weitab von finanziellen Voraussetzungen. Hier bedarf es eines frischen Mutterbodens aus Respekt – aller Beteiligten voreinander. Damit ein zartes Motivationspflänzchen gesät und mit Wertschätzung gepäppelt werden kann. Damit eine Unternehmenskultur entstehen kann, die Kunden und Facharbeiter anzieht.

Wir brauchen überhaupt in unserem Land viel mehr Chefs, die engagierte und willige Mitarbeiter als ihren wertvollsten Unternehmensteil betrachten. Die Menschen entsprechend wertschätzen für das, was sie für das Unternehmen leisten – statt ständig auf die Renditen der Investoren zu schielen. Auf diese Weise entsteht wieder Begeisterung und Lust am Tun. Ein Team formt sich und jeder einzelne kann seine Fähigkeiten zum Wohle aller einbringen. Und dann – steigen die Renditen fast von ganz alleine, weil Begeisterung motiviert und eine respektvolle Unternehmenskultur anziehend wirkt.

Doch ein Lerneffekt…

Ein Gutes hat die Sendung: Wir Zuschauer realisieren, dass das Lohngefälle zwischen Ost und West auch 20 Jahre nach der Wiedervereinigung noch unfassbar groß ist. Wir nehmen wahr, dass die Mindestlohndebatte dringlicher denn je ist. Dass Menschen mit einem vollen Acht-Stunden-Job in Ost und West eine realistische Chance auf wirtschaftliches und menschenwürdiges Überleben haben müssen – in einem „reichen Land“ wie unserem.

Und über noch etwas müssen wir dringend reden: Dass Menschen mit einem schlecht bezahlten Job keine „dummen“ Leute zweiter Klasse sind. Es sind engagierte Menschen, die redlich arbeiten und ihren Lebensunterhalt verdienen. Die niemandem auf der Tasche liegen oder den Staat ausnutzen wollen. Menschen, die in einer solchen Situation leben und täglich den Kampf neu aufnehmen verdienen vor allem eines: Unseren Respekt.

Welche Menschen fallen Ihnen jetzt ein, die unseren Respekt verdienen? Ich freue mich, wenn Sie das in den Kommentaren mit mir diskutieren…

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